In seiner wortwörtlichen Bedeutung ist ein Schatten der unbeleuchtete Raum hinter einem beleuchteten, undurchsichtigen Körper. Das Assoziationsfeld, das sich um den Begriff entspinnt jedoch ist viel weiter: Er umspannt zugleich das Negative, Bedrohliche, das Verdrängte, aber auch den Schutz, die Geborgenheit, das Unbewusste oder gar die Seele, die dem Lebenden innewohnt, denn nur was existiert, kann auch einen Schatten werfen.

Schatten begleiten uns nicht nur real, sondern auch metaphorisch auf Schritt und Tritt: Redewendungen wie „Wo Schatten ist, ist auch Licht“, „über seinen Schatten springen“, „große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus“ oder die „Schattenseite des Lebens“ sind in unserem Sprachgebrauch allgegenwärtig.

In einer Zeit, die überschattet wird von politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, von Populismus, reaktionärem Gedankengut, von großen Ängsten und Spannungen, in einer Zeit in welcher die Schattenseiten unseres Systems radikal zutage treten, möchten wir ein sowohl inhaltlich vieldeutiges als auch ästhetisch anregendes Festivalthema zur Diskussion stellen.

Ein Thema, das einerseits zu einer kritischen künstlerischen Auseinandersetzung auffordert: mit dem politischen Klima, dem Zustand unserer Demokratie, den dunklen Seiten unserer Gesellschaft, den Zukunftsdystopien, den Schattenseiten unseres Handelns und des technologischen Fortschritts, die wir vielleicht aus Bequemlichkeit ignorieren oder aus Angst verdrängen... Auf der anderen Seite soll das Thema aber auch Spielraum lassen für eine konkrete, poetische Herangehensweise, die den Schatten als solchen ins Zentrum der künstlerischen Artikulation rückt. Denn neben seinen eher negativen Bedeutungsfeldern, steht Schatten auch für das Andere, das Abseitige, das nicht im Licht des Mainstreams erstrahlt – für das Geheime, das im Schutz der Dunkelheit erschaffen wurde.

Zu guter Letzt verspricht auch eine künstlerisch-wissenschaftliche, philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema spannende Zugangsweisen zum Thema, schließlich spielten Schatten seit jeher im philosophischen Gebiet der Erkenntnistheorie eine Rolle: So beschreibt Platon in seinem Höhlengleichnis eine Welt, in welcher wir Normalsterblichen mit unserem menschlichen Erkenntnisvermögen nur die Schatten der wirklichen Dinge wahrnehmen, die außerhalb unserer Höhle im Sonnenlicht stattfinden – unser Blick auf die Welt wäre somit eine subjektive Schattenansicht der Dinge, die wir für die objektive Wirklichkeit halten.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich einige Anregungen für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Schatten bei den 48 Stunden Neukölln 2017, die wir mit Euch teilen möchten:

  1. Die Künstlerisch kritische Auseinandersetzung mit den Fragen nach den Schattenseiten unserer Gesellschaft, bzw. unseres politischen und sozialen Systems, und den Bedrohungen, die ihm innewohnen.
  2. Künstlerische Untersuchungen der metaphorischen Bedeutung von Schatten: Die dunkle Kehrseite, die jedem Ding innewohnt („selbst ein Haar hat seinen Schatten“), künstlerische Untersuchungen von Schatten als dem Unbewussten...
  3. Schatten und Erkenntnistheorie: Der Schatten als Sinnbild für die menschliche Wahrnehmung: Sehen wir Menschen immer nur unsere subjektive Schattenansicht der Wirklichkeit?
  4. Schatten im Sinne von Parallelgesellschaften, aber auch im Sinne von Diversität (Roma, Geflüchtete, Queer, bzw. GLBT)
  5. Künstlerische Praxis, die um das Spannungsverhältnis von Licht und Dunkelheit kreist: Schattenriss, Schattenspiel, Schattentheater usw.
  6. Künstlerische Untersuchungen der positiven Bedeutungsfelder von Schatten (im Sinne von Schutz, Geborgenheit etc.)