...den Künstler*innen Janine Eggert, Philipp Ricklefs, Belinda Sykora und Ulrich Vogl

Sina Ness    Herzlich Willkommen! Als erstes würde ich gerne etwas von Euch und den geplanten Arbeiten für die 48 STUNDEN NEUKÖLLN erfahren.
Ulrich Vogl    Ich arbeite schon seit vielen Jahren mit Installationen und Skulpturen. Dabei spielen Schatten, Licht und Zeichnung immer eine große Rolle.
Belinda Sykora    Ich studiere an der UdK Sound Studies, komme eigentlich aus dem Theaterbereich und habe viel mit Sprache und experimenteller Musik gearbeitet. Im Juni zeige ich meinen ersten Soundwalk.
Janine Eggert    Ich bin Janine Eggert und ich arbeite mit Philipp Ricklefs zusammen. Wir machen Skulpturen und Installationen und sind in der Ausstellung im Gewölbekeller dabei, wo wir unsere Rauchringkanone zeigen.
Sina Ness    Wie lange arbeitet ihr schon zusammen?
Janine Eggert    Seit über zehn Jahren. Wir haben beide in Hamburg studiert und schon im Studium die gemeinsame Arbeit begonnen.
Philipp Ricklefs    Es fing mit ersten größeren Projekten an, die man zu zweit angepackt hat und daraus hat sich dann über die Jahre eine Praxis entwickelt. Wir haben aber auch beide noch unsere Einzelpositionen. Auf diese Weise hat man sich immer was Neues zu erzählen und die Zusammenarbeit bleibt spannend.
Sina Ness    Bei eurer Arbeit „Ghost Rider“ für die 48 STUNDEN NEUKÖLLN ist ja die Schattenthematik eher assoziativ...
Janine Eggert    Das ist richtig. Für die Entwicklung der Arbeit war der Schatten tatsächlich erst einmal nicht entscheidend. Sie passt aber trotzdem sehr gut zum Festivalthema, weil der Rauchring ja auch eine Art ephemere Erscheinung ist: Der Rauch kommt und geht wie der Schatten. Er hat keine Substanz. Aber in unserer Inszenierung geht es auch um ein Lichtphänomen.
Philipp Ricklefs    Durch den tiefen Abstieg in den Keller, die Dunkelheit und die spezielle Akustik in den Gewölben erscheint die Arbeit als etwas Mystisches. Die Ringe tauchen für die Zuschauer überraschend aus dem Dunklen auf. Dabei geht es vor allem auch um eine sinnliche Erfahrung. Das Aufregende daran ist, dass der Ring sich ganz langsam auf einen zubewegt – wenn man ihn dann aber abkriegt, dann ist das schon ein richtiger Windstoß ...
Sina Ness    Wie entsteht denn diese Form des Rauchrings?
Philipp Ricklefs    Die Ringform entsteht, weil die Luft sich immer wieder um sich selber faltet. In sich selbst dreht sich der Ring relativ schnell, saugt sich aber dadurch eher langsam durch den Raum...
Janine Eggert    Ich finde ja auch die Reaktion der Besucher interessant – aus unserer Erfahrung brechen viele ganz intuitiv in Laute des Erstaunens aus. Das ist sehr schön, weil die Besucher gegenüber Kunst ja sonst eher nicht so spontan reagieren, sondern in der Betrachtung meist ruhig und kontemplativ, oder auch „cool“ bleiben, denn man wird ja gleichzeitig bei der Kunstbetrachtung immer auch beobachtet. Ich finde es spannend, wenn die Betrachter spontan und ungehemmt reagieren.
Sina Ness    Und wie sieht es bei euch aus, Belinda, was wirst Du zusammen mit den Kolleg*innen vom UdK-Masterstudiengang Sound Studies zeigen?
Belinda Sykora    Wir haben uns intensiv mit verschiedenen Raumtheorien beschäftigt, die großen Einfluss auf die jetzt entstehenden Arbeiten haben. Unser Projekt mit Prof. Sabine Sanio ist ein theoretisches, wissenschaftliches Seminar: Also im Grunde ist aus der Theorie das entstanden, was wir am Schluss auch zeigen werden. Diese unterschiedlichen Raumthematiken sind unsere Ausgangsbasis. „Schatten“ werden insofern thematisiert, als wir uns für das Konzept „sonic noir“ entschieden haben: Dieser Begriff ist abgeleitet vom Genre „film noir“ und hat mit der besonderen Ästhetik von Hell und Dunkel, dem Spiel mit Schatten und mit anderen Perspektiven zu tun. Wir untersuchen dieses „noir“ im Auditiven. Unsere künstlerischen Arbeiten werden dabei von Prof. Hans Peter Kuhn betreut. Ich selbst plane einen interaktiven Soundwalk mit drei Stationen. Mein Thema ist dabei der phänomenologische Raum – wie Körper und Umwelt in Beziehung zu einander stehen. Mir geht es in diesem Zusammenhang um repetitive Klänge im gesellschaftlichen Raum.
Sina Ness    Was wären denn beispielsweise solche repetitiven Klänge?
Belinda Sykora    Wir sind ja generell immer irgendwelchen Botschaften ausgesetzt, die sich wiederholen – das kann ganz banal Werbung sei. Aber auch politische Botschaften oder sogar Erinnerungen aus der Kindheit: Dinge, die man immer wieder gehört hat. Mich interessiert, dass man diesen Klängen und Botschaften ausgesetzt ist, dass sie sich in eine Erinnerung oder in eine Wahrnehmung umwandeln können, die aber nicht bewusst wird. Diese abgespaltenen Persönlichkeitsanteile, mit denen man sich nicht bewusst auseinandersetzt und die durch die manipulativen Wiederholungen entstehen, möchte ich mit meiner Arbeit reflektieren.

Sina Ness    Da können wir ja auf jeden Fall schon sehr gespannt sein. Und was wirst du in der Ausstellung für die 48 STUNDEN NEUKÖLLN zeigen, Ulrich?
Ulrich Vogl    Meine Arbeit heißt „Newsroom“ und baut auf bestehenden Arbeiten auf. Ich habe eine Installation mit einer Art Hamsterrad entwickelt, das sich dreht und durchlässig für Licht ist. Dadurch entsteht ein Flackern in der Projektion. Dieses Flackern erinnert immer an Film und gleichzeitig zeigt es nichts. Eigentlich bin ich im Zuge der Trump-Diskussionen darauf gebracht worden: Der US-Präsident erzeugt ja im Grunde ständig „News“, die keine News sind, um von anderen Inhalten abzulenken. Meine Idee ist, einen Newsroom mit vielen Rädern zu gestalten, die von verschiedenen Richtungen beleuchtet werden, sodass ganz viele Projektionen entstehen, die sich auch teilweise überlagern. Durch die unterschiedlichen Lichtquellen gibt es unterschiedliche Distanzen zur Wand und dadurch wird dann der Schatten unterschiedlich groß aufgeblasen – wie bei den echten News: Ein Objekt von 30 Zentimetern Größe kann so beispielsweise einen Schatten von zwei Metern bekommen! Die Projektionen sollen etwas Aufgeregtes haben, etwas Mediales und gleichzeitig sollen sie nichts transportieren. Ich werde dafür auch mit Dunkelheit und mit der Blickrichtung arbeiten – Die Arbeit soll den Betrachter umgeben und dabei gleichzeitig eng, aber auch weit sein.
Sina Ness    Sicher ist es auch interessant, eine teilweise bereits bestehende Arbeit in einem eigens dafür gedachten Raum unter dem Aspekt des Festivalthemas weiter zu entwickeln...
Ulrich Vogl    Ja, gerade dieses Multiplizieren interessiert mich – ich habe bislang noch nie mehrere Räder in einem Raum gezeigt.
Sina Ness    Wir sind sehr gespannt! Reizvoll ist sicher auch, dass im Gewölbekeller solch unterschiedliche künstlerische Positionen, Themen und Herangehensweisen vereint sein werden. Neben deiner Arbeit und der Rauchringkanone von Janine und Philipp, wird beispielsweise auch das Künstlerduo Birgit Auf der Lauer und Caspar Pauli eine Arbeit zeigen, für welche sie sich auf eine Recherchereise nach Kairo begeben haben. Dort haben sie sich auf die Suche nach dem beinahe ausgestorbenen arabischen Schattentheater gemacht – also nochmal ein ganz anderer Schattenaspekt!
Ulrich Vogl    Was ich ja neben der Vielfalt eine besondere Stärke der 48 STUNDEN NEUKÖLLN finde, ist, dass man jedes Jahr andere Orte entdecken kann, die man zuvor noch nicht kannte: Mal ein Gefängnis, dann einen Friedhof und jetzt diesen Keller im vierten Untergeschoß! Da hat man das Gefühl, man ist in einem Verlies oder befindet sich tief unter dem Berg!
Sina Ness    Mich würde noch interessieren, was euch als Künstlerinnen und Künstler an dem Thema Schatten reizt? Was fügt der Schatten der Erzählung des Lichts hinzu?
Ulrich Vogl    Mir gefällt am Schatten, dass man – ähnlich wie beim Spiegelbild – Bild und Abbild immer in einem Raum hat. Aber auch den Übergang in die Bewegung finde ich spannend: Der Schatten kann etwas Erzählerisches bekommen, das zugleich, wie man etwa im arabischen Schattentheater sieht, etwas ganz Archaisches hat.
Belinda Sykora    Also mich interessiert am Schatten das Abgespaltene, das, was man nicht wahrnehmen möchte, das Verborgene, Unheimliche in der Gesellschaft. Ich find auch spannend, dass ein solche Abspaltung eigentlich in jedem Menschen passiert, denn du musst vieles ausblenden oder eben abspalten, damit du überhaupt handlungsfähig bleibst... Diese Abspaltung ist meistens negativ behaftet, muss aber nicht unbedingt negativ sein; Abspaltungen sind auch etwas Positives! Man muss diese Schattenseiten irgendwie integrieren, um ein Ganzes zu sein und wenn man sie nicht integriert oder integrieren kann, dann wird es wahrscheinlich problematisch...
Ulrich Vogl    Der Schatten ist auch etwas, das man kaum beachtet, wenn er da ist – ist er aber weg, dann merkt man sofort, dass etwas nicht stimmt. Je stärker eine Lichtquelle ist, desto komischer ist es, wenn der Schatten fehlt.
Philipp Ricklefs    Ich kenne das vom Computer, wenn man beispielsweise ein Objekt in 3-D simuliert: Einem Gebilde ohne Schatten fehlt die Räumlichkeit – kaum legt man jedoch einen Schatten darunter, ist das Objekt solide und scheint in „echt“ da zu sein.
Sina Ness    Und woher kommt für euch die negative Konnotation von Schatten in der Sprache und in der Kulturgeschichte?
Philipp Ricklefs    Das hat für mich klar etwas mit dem eigenen Abbild zu tun: Der Schatten ist zweidimensional, nicht greifbar und ist eine ganz starke Abstraktion von einem selber. Daher kommen sicher auch viele dieser Redewendungen: Dinge liegen im Schatten, sind überschattet... Sie sind nicht greifbar und damit unheimlich. Ich denke hierbei auch gerade an in klassisches Setting im Film: Man zeigt eine Gasse, in welche ein Riesenschatten fällt. Und weil der Schatten so abstrakt ist, kann man eben nur erahnen, was er abbildet und das ist natürlich sehr unheimlich.
Belinda Sykora    Genau. So ist es auch bei den expressionistischen Filmen wie Metropolis: Der Schatten wird als Spannungsmittel eingesetzt, denn die Menschen haben auf ganz natürliche Weise Angst vor diesem Ungreifbaren.
Ulrich Vogl    Und dann ist da ja auch noch diese Schlemihl-Thematik: Der Mann, der seinen Schatten verkauft hat.
Philipp Ricklfs    Er verkauft mit dem Schatten einen Teil seiner Persönlichkeit und dann ist der Mensch irgendwie nicht mehr ganz. Das Gegenüber merkt sofort, dass mit dem irgendetwas nicht stimmt... er ist nicht mehr menschlich.
Sina Ness    Schlemihl kann ohne seinen Schatten in der menschlichen Gesellschaft nicht mehr funktionieren... Ja das waren sehr interessante Ansichten und Aspekte zu unserem Festivalthema. Ich freue mich schon darauf, bei den 48 STUNDEN NEUKÖLLN eure Arbeiten sehen zu können und bedanke mich sehr herzlich bei euch allen für das Gespräch.