Berlins größtes freies Kunstfestival hat seit 1999 in seiner Konzeption beständig auf neue gesellschaftliche und künstlerische Bedürfnisse reagiert. Denn das Festival hat den Anspruch, den Wandel sowohl in der freien Kunstszene als auch in seinem sehr lebendigen Austragungsgebiet nicht nur zu begleiten, sondern auch mitzuprägen. Die Festivalkonzeption zielt auf eine zeitgenössische und qualitätsorientierte Kunstpräsentation, die einen Beitrag zu aktuellen gesellschaftlichen Themen leistet.

Unser Anspruch ist es, nach Möglichkeit alle Bevölkerungsgruppen als Publikum zu gewinnen – unabhängig von Alter, ethnischer Herkunft und sozialer Stellung. Unser Programm fördert diskursive, partizipatorische und interdisziplinäre Ansätze. Im Entwicklungsprozess nimmt das Festival Trends, Potenziale und aktuelle Diskurse aus der Stadtgesellschaft am Beispiel Neuköllns auf und stellt ihnen Zugänge und Methoden zeitgenössischer Kunst gegenüber. Dieser ambitionierte und experimentelle Ansatz hat seine Ursprünge bis heute im ursprünglich beteiligungsoffenen Kulturfestival. Er ist einer der Erfolgsgaranten und wird von unserem großen Publikum sehr wertgeschätzt.

1999 fand die erste Ausgabe der 48 Stunden Neukölln noch in ganz Neukölln statt. Die Ursprungsidee ging vom Kulturnetzwerk Neukölln e.V. aus, das bis heute die Veranstaltung verantwortet und ausrichtet. Dabei wurden viele Kooperationspartner eingebunden. Für viele der im Kulturnetzwerk zusammengeschlossenen Akteure bot das Festival die Möglichkeit, eigene Arbeit besser sichtbar zu machen. Ein weiterer Handlungsimpuls war, abwertender Medienberichterstattung über den Bezirk Neukölln entgegenzuwirken.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts war die Wahrnehmung Neuköllns einseitig negativ besetzt. Probleme in Bezug auf Bildung, Arbeitslosigkeit, Armut, und Kriminalität wurden medial stark inszeniert, sodass für viele Jahre Neukölln vorrangig als „Problembezirk“ wahrgenommen wurde. Mit Kultur sollte nicht der Bezirk „gerettet“, aber doch eine angemessenere Wahrnehmung von Potenzialen und beispielhaften kulturellen Initiativen ermöglicht werden. Daneben bestand auch der Wunsch, jenes Publikum zurückzugewinnen, das Neukölln als vermeintlich gefährlichen Ort inzwischen mied.

Das Kunst- und Kulturfestival 48 Stunden Neukölln bot ein positives Identifikationspotenzial für die 320.000 Bewohner*innen des Stadtteils und schuf für ein Wochenende eine ganz spezielle, vibrierende Atmosphäre. Kulturakteure zeigten im Schulterschluss, was ihr Heimatbezirk zu bieten hatte. 1999 wurden an 25 Orten über 100 Veranstaltungen organisiert.

In den ersten Jahren musste die Akzeptanz für das Festival bei Kommunalpolitik, ortsansässigen Künstler*innen und Institutionen sowie der Bevölkerung noch gesucht werden. Aber eine stetig steigende Zahl von Veranstaltungen und teilnehmenden Orten belegte den Erfolg der Bemühungen. Die einfache Zugänglichkeit und breite Beteiligung standen anfangs im Vordergrund, sodass eine Anmeldung zum Festival genügte, um dabei zu sein. Qualitätskriterien wurden bewusst hintangestellt, um allen kreativen Personen (unabhängig von Alter, Herkunft, Beruf und Ausbildung) einen Zugang zu ermöglichen. 2004 wurde entschieden, nur noch die sogenannte Neuköllner Altstadt im Norden als Festivalgebiet zu nutzen, da nur hier eine Dichte und fußläufige Nähe von Veranstaltungsorten erzeugt werden konnte, die für Besucher*innen attraktiv war.

Um 2006 begann sich ein Wandel in Neukölln bemerkbar zu machen. Bedingt durch verschiedene Faktoren (Schließung des Flughafens Tempelhof, gesamtberliner Phänomene eines verstärkten Zuzugs) wurde in Neukölln die Gentrifizierung Thema. Gleichwohl waren die Mieten im stadtweiten Vergleich immer noch günstig und es standen zahlreiche ungenutzte Flächen zur Verfügung. Immer mehr junge und kreative Menschen zogen daher ins Gebiet und füllten die Leerstände im Bereich der Wohn- und Gewerbeimmobilien auf. Neben den bis dato dominierenden Kulturinstitutionen (Kommunale Galerien, Neuköllner Oper, Schauspiel Neukölln, Werkstatt der Kulturen, Museum Neukölln etc.) nahmen nun Orte der „Off-Kultur“ quantitativ deutlich zu. Darunter zahlreiche Ateliers und zumeist künstlergeführte Projekträume. Viele nachbarschaftlich und soziokulturell geprägte Initiativen und Veranstaltungsformate wurden mit Hilfe von lokalen Förderprogrammen (z.B. Soziale Stadt, Dezentrale Kulturarbeit) entwickelt. Das Interesse am alternativen Kulturstandort Neukölln wuchs nun auch außerhalb des Bezirks, was auch den 48 Stunden Neukölln zu Gute kam. Es gab vermehrt Kooperationen über die Bezirksgrenzen hinaus und mit im Ausland lebenden Künstler*innen. Vor allem stieg die Zahl der Veranstaltungen 2010 auf 900 und erreichte damit den absoluten Höhepunkt. Neukölln war damit nachweislich von einer breiten Künstlerschaft als Kreativstandort akzeptiert. Für die Festivalorganisation bedeutete der quantitative Zuwachs eine enorme organisatorische Herausforderung – waren die zur Verfügung stehenden Finanzmittel doch weitgehend unverändert geblieben.

Die Anzahl von Veranstaltungen und Formate stieg im Verlauf der Jahre ebenso rasch wie konstant. Entsprechend war nun an fast jedem Wochenende Spannendes in Neukölln zu erleben. Es musste kein Gegenbild mehr zur medial geprägten „No Go-Area“ entworfen werden: Neukölln war hip geworden. Daher stellten sich den Veranstalter*innen sogar die Frage, ob das Festival in seiner bisherigen Form weitergeführt werden solle. Diese Zweifel am Fortbestand wurden bei einer eingehenden Zukunftswerkstatt mit unterschiedlichen Stakeholdern mithilfe einer Analyse der Bedürfnisse innerhalb der Freien Szene diskutiert. Mit einhelligem Votum wurde schließlich die Notwendigkeit einer Weiterführung und zukunftsorientierten Weiterentwicklung des Formats 48 Stunden Neukölln bekräftigt.

2013 wurden entscheidende Parameter für die neuen 48 Stunden Neukölln eingeführt: Erst einmal wurde aus dem „Kunst- und Kulturfestival“ nun „Das Kunstfestival“. Der Schwerpunkt lag nun deutlich im Bereich der zeitgenössischen Kunst. Durch die Einführung eines verbindlichen Jahresthemas und vielfältigen Bemühungen, die Qualität künstlerischer Beiträge zu erhöhen, reduzierte sich zugleich die Anzahl der Veranstaltungen drastisch. War das Festival zuvor wenig inhaltlich gegliedert, fungierte es von nun an im Sinne einer Dachmarke, unter der verschiedene Festivalsegmente unter sich vereint. So wurde die Orientierung und zielgruppengenaue Ansprache bestimmter Gruppen von Besucher*innen gewährleistet. Das Ziel war also weiterhin, die Vielfalt aller künstlerischen Ausdrucksformen erlebbar zu machen. Dabei waren (und sind) Inhalte und Konzepte entscheidende Kriterien für die Auswahl von Projekten. Durch jurierte Verfahren, den Einbezug externer Kurator*innen und eine wachsende Anzahl internationaler Kooperationen ließ sich nicht nur die konzeptionelle Dichte, sondern sukzessive auch die künstlerische Qualität verbessern. Zudem wurde die Komplexität der vorgegebenen Themen im Verlauf der Ausgaben immer anspruchsvoller – auch um die Entwicklung innovativer und konzeptionell anspruchsvoller neuer Projekte anzuregen.

Aufwändige Inszenierungen im öffentlichen Raum, kuratorisch angelegte Gruppenausstellungen, thematische Veranstaltungsreihen und herausragende Einzelprojekte sorgten dafür, dass sich der Anspruch des Festivals in Bezug auf künstlerische Qualität nachhaltig gewandelt hat.

Neben der weiterhin bedeutsamen Verbundenheit mit den Ursprüngen und dem Austragungsort Neukölln hat sich 48 Stunden Neukölln auf ein Bekenntnis zu Qualität und internationaler Ausrichtung verständigt. Das Gesamtfestival gliedert sich in unterschiedliche Formate. Das eigentliche Kunstfestival bleibt offen für alle Bewerber*innen; doch werden die Projekte in der Bewerbungsphase hinsichtlich ihrer konzeptionellen Stringenz juriert. Daneben besteht ein lokal orientierter Bereich der „assoziierten Orte“. Ateliers und Kunsträume können sich entscheiden, nicht zum Jahresthema passende Veranstaltungen anzumelden. Dieses Beiprogramm repräsentiert den beeindruckenden Reichtum der lebendigen lokalen Kunstszene. Als dritter Teil firmiert das Programm für Kinder, Jugendliche und Familien nun unter dem Namen JUNGE KUNST NK.

Mit der Aufnahme in den Berliner Festivalfonds im Jahr 2018 wurde der qualitätsorientierte Prozess noch einmal spürbar gestärkt. Durch die Honorierung von Künstler*innen und Kurator*innen sowie die Bereitstellung von Projektmitteln können die 48 Stunden Neukölln zunehmend professionelle Rahmenbedingungen schaffen und dem Publikum attraktive neue Angebote im Bereich der Kunstvermittlung machen.

Immer noch steht das Festival programmatisch dafür, die Künste in ihrer ganzen Diversität zu präsentieren. Als Publikumsfestival mit im Schnitt jeweils mehr als 70.000 Besucher*innen ist dieses Konzept breit akzeptiert und schafft einen Rahmen, in dem Kunst gesehen wird und das Publikum im Mittelpunkt   steht.