von Jana Kamm

Kein offener Raum ist leer

Sie umgibt uns jeden Augenblick, ist allgegenwärtig, umhüllt unsere Erde wie ein unsichtbarer Schleier, erfüllt uns, steckt in uns. Ihre mannigfachen Moleküle sind so winzig, dass wir sie nicht sehen können, sie im natürlichen Zustand nicht rie- chen und nicht schmecken können. Ihr Wesen ist unsichtbar, flüchtig, stets in Bewegung, nicht zu greifen.

Und doch ist da nie Nichts. Nichts ist wie es scheint. Kein offener Raum ist leer. Immer ist er erfüllt von ihr – der Luft.

Luft braucht Platz. Sie fließt und strömt in alle Richtungen, dehnt sich aus. Macht Raum für Neues, verflüchtigt sich. Gleicht aus. Füllt Leerstellen. Hält nicht an Altem fest. Luft ist flexibel und dynamisch, mal sanft und lau, mal entfaltet sie eine zerstörerische Kraft. Sie ist Bewegung, frischer Wind und Neubeginn.

Unsichtbares sichtbar machen

In manchen Momenten wird ihr unsichtbares Wesen für uns sichtbar, spürbar, erfahrbar, einfangbar. Wenn sich Seifenblasen mit Luft füllen und immer größer werden – bis sie schließlich zerplatzen und sich in Luft auflösen. Wenn es draußen eiskalt ist und wir unseren eigenen Atem wie Nebelschwaden aus unserem Mund entweichen sehen. Wenn die Hitze die Luft über dem Boden flimmern lässt, sie vor unserem Blick unscharf wird und uns Luftspiegelungen vorgaukeln, wir würden sehen, was in Wirklichkeit gar nicht existiert. Wir sehen die Luft beim Flattern der Segel im Wind. Oder im Vorbeiziehen der Wolken. Wir spüren sie als leichten Wind oder als gewaltigen Sturm, der alles mit sich reißt.

Atmen als Verankerung in der Welt

Luft ist Urstoff, Lebensenergie. Etwa 20.000 Atemzüge pro Tag macht ein Mensch. Schnürt uns etwas die Luft ab, müssen wir um sie ringen, so kommt schnell Todesangst auf. Wir können eine Zeit lang auf Nahrung verzichten, aber wir können nicht einfach aufhören zu atmen. Wir sind Luftwesen, wir brauchen sie, um zu existieren. Unser Dasein in der Welt beginnt mit ihr und es endet mit ihr.

Der Atem ist unser Rhythmus. Er begleitet uns jeden Moment, sogar im Schlaf, und hört nie auf zu schlagen. Oft nehmen wir ihn gar nicht wahr, bleibt er im Unbewussten, wird vergessen. Wir atmen ein, nehmen Neues in uns auf. Wir atmen aus, lassen Altes und Verbrauchtes gehen. In unserem Atmen treffen sich Leben und Tod. Anfang und Ende. Der Kreislauf des Seins. Atmen ist unsere Verankerung in der Welt. Ein im Moment- und in der Welt-Sein, das wir oft für so selbstverständlich halten, dass wir es kaum bemerken.

Wir können uns diesen unbewussten Vorgang aber auch bewusst machen. Die Atmung steuern, die Lebensenergie kontrollieren. So wie es Menschen beim Meditieren oder Apnoetauchen machen. Die ursprünglichsten, instinktivsten Signale des Körpers zu beherrschen und zu überwinden, die Luft anzuhalten, um mit nur einem einzigen Atemzug

24 Minuten lang zu tauchen, scheint manchen Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Stärke zu verschaffen. Hier wer- den Grenzen bis zum Äußersten ausgereizt. Die Unterdrückung des Atmens ist die Grenze von Leben zu Tod.

Raus an die frische Luft

Luft steht immer auch für das Freie, die Weite, den nicht geschlossenen, scheinbar grenzenlosen Raum. Ein Spielraum, ein Raum für Bewegungsmöglichkeiten. Wenn wir uns eingeengt fühlen, dann müssen wir uns Luft verschaffen.

Doch was passiert, wenn die Luft, die wir atmen, uns plötzlich gefährlich erscheint?

Die Coronavirus-Pandemie hat unser Verhältnis zur Luft in ein neues Spannungsfeld gerückt. Einerseits zieht es uns raus an die frische Luft, die uns Weite, Abwechslung und Begegnungen mit Anderen verspricht. Raus aus den einengenden, immer gleichen vier Wänden, auf die sich unser Leben schlagartig reduziert hat. Gleichzeitig liegt das Risiko der Ansteckung in der Luft, mit einem Virus, der uns die Luft zum Atmen nehmen kann.

Wie frei können wir uns also noch bewegen? Wie viel Offenheit bleibt uns noch?

Von Luftbesitz und Luftschlössern

Die Luft gehört niemanden. Es gibt keinen Luftbesitz, so wie es Grundbesitz gibt. Die Luft gehört uns allen, sie lässt sich nicht privatisieren. Noch. Die Luft ist einer der letzten scheinbar grenzenlosen Räume, auf die wir alle gleichermaßen Anspruch zu haben scheinen. Sie lässt sich nicht untertei- len, sie lässt sich nicht einzäunen. Hier bauen wir Luftschlösser, hier lernen wir fliegen, hier schweben wir auf Wolke 7, hier lassen wir uns fallen, hier spinnen wir Ideen, fantasieren und träumen. Hier fühlen wir uns frei.

Doch diese scheinbar endlose Weite und Freiheit ist bedroht. Die Luft wird von uns ausgebeutet und vergiftet. Die Lunge der Erde brennt. Wie lange also können wir uns die Freiheit des Atmens noch bewahren? Wie lange wird die Luft noch unberührt von Besitzansprüchen und Raumkämpfen bleiben?

Sie ist immer da, aber wir sollten sie nicht für selbstverständlich halten. Sie ist schwer greifbar und meist unsichtbar, aber wir sollten sie nicht wie Luft behandeln.

Am besten fangen wir damit an, einmal tief Luft zu holen.