Berlin, 07. Juli 2026. Das Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“ versteht sich als basisnahe Plattform der freien Kunstszene, die mit rund 600 Beiträgen an 370 Orten im Jahr 2026 die gesamte Breite der Berliner Kunstszene und der bundesdeutschen Gesellschaft abbildet. Nach unserem Selbstverständnis besitzen die Künste das Potenzial, gesellschaftliche Bruchlinien und Diskurse sichtbar zu machen. In weltweit nervösen Zeiten werden weltanschauliche Konflikte immer stärker auch in die Kunst getragen. Vor dem Hintergrund des vergangenen Festivalwochenendes und aktueller Medienberichte nehmen die Geschäftsleitung des Trägervereins Kulturnetzwerk Neukölln e.V. und die Festivalleitung gemeinsam Stellung zur kurzfristigen Herausnahme eines Projektes aus dem Programm und legen die organisatorischen Abläufe transparent dar.
Strukturell beruht das Konzept von „48 Stunden Neukölln“ als Low-Budget-Festival seit jeher auf einem tiefen wechselseitigen Vertrauen und dem großartigen Engagement aller beteiligten Künstler*innen und Veranstaltungsorte, ohne die ein solches dezentrales Großevent überhaupt nicht denkbar wäre. Auf diesem Fundament liegt die Verantwortung für die einzelnen Beiträge traditionell bei den Kulturschaffenden als Mitveranstalter*innen, die ihre Projekte selbst planen, finanzieren und durchführen. Das Festivalteam begleitet diesen Prozess in zwei Stufen: Zunächst erfolgt eine Auswahl in der Bewerbungsphase, in der die thematische Zielsetzung juriert und offensichtlich sichtbare Verstöße gegen unser demokratisches, diskriminierungsfreies Selbstverständnis konsequent ausgeschlossen werden. In diesem Zusammenhang möchten wir auf die Bedingungen hinweisen, die für alle Projekte innerhalb des Festivals gelten:
„… es darf niemand diskriminiert, beleidigt oder in anderer Art und Weise verletzt werden. Hetze, Diskriminierung und Vorverurteilungen haben bei uns keinen Platz.“. Im ursprünglichen Bewerbungstext des besagten Projektes, das zu keinem Zeitpunkt eine finanzielle Förderung durch das Festival erhielt, war die spätere finale Ausrichtung nicht zu erkennen. In der anschließenden Redaktionsphase, die der Konkretisierung der Vorhaben dient, wurde die Idee des Projektes von den Kunstschaffenden eigenständig um die Absicht erweitert, biografische Szenen aus Gaza an Orten des historischen Gedenkens für die Opfer der Shoah zu inszenieren.
Wir gestehen offen ein: Dieser Beitrag ist in der Redaktionsphase unbemerkt geblieben. Die Sprengkraft dieser historisch unzulässigen und tief problematischen Gleichsetzung des Holokausts an den Jüdinnen und Juden zur Zeit des Nationalsozialismus mit dem aktuellen Nahostkonflikt wurde im Vorfeld von uns nicht erkannt. Das Festival hat, nachdem sie Hinweise Dritter am Samstagmorgen erhielt, sofort reagiert und den Beitrag umgehend aus dem Programm genommen sowie die Behörden und Künstlerin über die Untersagung informiert.
Als Festival schätzen und schützen wir grundsätzlich die künstlerische und politische Meinungsfreiheit der bei uns Teilnehmenden als ein hohes Gut. Wir stellen jedoch unmissverständlich klar: Die Instrumentalisierung von Orten des historischen Gedenkens für aktuelle politische Konflikte sowie jede Form von Antisemitismus oder Relativierung haben in unserem Festival keinen Platz.
Daher erfolgte dieser Schritt ausdrücklich nicht auf politischen Druck oder die direkte Androhung einer Mittelkürzung. Die Reaktion entspricht vielmehr dem festen Selbstverständnis des Festivals und des Kulturnetzwerks Neukölln e.V., nicht zur Verschärfung gesellschaftlicher Konflikte beizutragen, sondern die versöhnenden Potenziale der Kunst zu stärken.
Das Festival bietet mit sehr geringen finanziellen und personellen Ressourcen hunderten Kulturschaffenden eine Bühne und ermöglicht unzähligen Menschen den kostenlosen Zugang zu Kunst. Die Administration dieses Programms (über 1.400 Künstler*innen in 600 Projekten) wird im Kern von einem kleinen Team (zwei Stellen in Teilzeit) gesteuert. Dieses Team bewältigte im Vorfeld einen enormen Prüfaufwand in einem eng getakteten Zeitfenster: Neben knapp 100 Bewerbungen für das Format „Perspectives“ mussten knapp 700 Bewerbungen für die allgemeine Teilnahme gesichtet werden. Aufgrund der sehr hohen Beteiligung in diesem Jahr zog sich die anschließende Redaktionsphase bis in den April hinein, was alle Zeitschienen verschob. Eine lückenlose redaktionelle Detailprüfung jedes einzelnen Projektes war unter diesen Bedingungen nicht zu leisten.
In der Berichterstattung wurde die Diskussion um finanzielle Auswirkungen stark thematisiert. Da sich „48 Stunden Neukölln“ derzeit um eine weitere Förderung im Rahmen des Berliner Festivalfonds bewirbt, ist der Erhalt der bisherigen Strukturen für uns prioritär. Entsprechend mag die Sorge um die Zukunft des Festivals in einem ersten Statement überwogen haben. Das Kulturnetzwerk Neukölln e.V. und die Festivalleitung betonen jedoch mit Nachdruck: Wir stehen uneingeschränkt zur Neuköllner Tradition des transkulturellen Dialogs, der rassistische und antisemitische Äußerungen seit Jahrzehnten zurückdrängt. Uns ist tief daran gelegen, mit wertschätzenden Mitteln Kunst zu befördern und diskriminierende Projekte abzulehnen. Um diesen Dialog aktiv zu pflegen und den Vorfall aufzuarbeiten, findet bereits am morgigen Mittwoch ein direktes Gespräch mit Elio Adler, dem Vorsitzenden der Werteinitiative – jüdisch-deutsche Positionen, statt.
Der Vorfall hat deutlich gezeigt, dass der Prüfprozess angepasst werden muss. Um den Schutz der gesamten Plattform langfristig zu sichern, hat das Festival beschlossen, für das kommende Jahr eine externe Fachperson fest einzubeziehen. Diese wird die Inhalte nach Abschluss der eigenständigen Redaktionsphase durch die Kunstschaffenden noch einmal gezielt auf diskriminierende und sensible Inhalte sowie kritische Ortswahlen hin prüfen. Dieser Schritt wird das ohnehin knappe Budget des Festivals zwar spürbar mindern, ist jedoch dringend notwendig, um Vorfälle dieser Art in Zukunft effektiv zu verhindern.