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Thema 2027

SOFT RITUALS

Morgens die Hand, die zweimal nach dem Schlüssel tastet. Die Tasse mit dem Sprung, aus der sonst niemand trinken darf. Die Nachbarin im dritten Stock, die jeden Abend die Geranien im Hof gießt. Aus solchen Wiederholungen besteht ein Tag. Kaum jemand würde sie Rituale nennen – und doch sind sie es.

Soft Rituals sind Zeremonien ohne Altar. Sie wohnen in Küchen und Treppenhäusern, am Späti-Tresen, in der Sprachnachricht, die jeden Sonntag um neun kommt. Entfremdet von starren Abläufen blicken wir mit dem Thema auf die leisen, wandlungsfähigen Handlungen unseres Alltags. Gewohnheiten werden zu Ritualen; kleine Gesten erhalten eine große Bedeutung.

Sie machen die Zeit bewohnbar. Manchmal sind sie Zufluchten, manchmal Gerüste, an denen sich ein Alltag festhält. Sie geben Struktur, spenden Trost und verankern uns in Zeiten von Krise, Umbruch und Neuanfang. Rituale entstehen aus den unterschiedlichsten Beweggründen: aus Liebe, Tradition, Verlust oder dem Bedürfnis nach Sicherheit. Sie reichen von der vertrauten morgendlichen Bewegung im Kiez bis hin zu mitgebrachten Handlungen von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und in der Wiederholung Halt, Erinnerung und Identität bewahren.

Gleichzeitig sind diese Handlungen nicht frei von Ambivalenzen: Sie reichen von unbemerkt geleisteter Care-Arbeit als Praxis von Gemeinschaft bis hin zu Mustern, die uns fester halten, als uns lieb ist. Und auch der Markt hat das Weiche längst entdeckt und verkauft „Soft Rituals“ als Konsumgut.

Neukölln verändert sich schnell. Läden schließen, Mieten steigen, Nachbarschaften lösen sich auf und finden sich neu. Welche Gesten braucht eine solche Stadt, um gemeinsam zu trauern, zu teilen, zu feiern und einander auszuhalten? Welche davon wollen wir üben, bevor wir sie brauchen?

 

Das Thema dient als Orientierung und Impuls, nicht als Corsage. Wir laden Künstler*innen aller Sparten ein, sich dem Thema persönlich, politisch, poetisch oder kritisch zu nähern – in Ateliers und Ladenlokalen, auf Straßen, in Hinterhöfen und Wohnzimmern. Für 48 Stunden wird Neukölln zum Ort gemeinsamer Zeremonien: zart, eigensinnig, und manchmal unbequem.